Im letzten Artikel wurde dargestellt, dass „konventionelle“ Diäten zu keiner langfristigen Gewichtsreduktion führen.

Heute geht es um den Zusammenhang zwischen Stress und Übergewicht.

Die Selfish-Brain-Theorie von Achim Peters.

Aus dieser Perspektive müssen konventionelle Diäten scheitern, weil sie die Sonderstellung des Gehirns im menschlichen Energiestoffwechsel nicht beachten.

Das Gehirn ist bei der Energieversorgung nämlich nicht mit den anderen Organen gleichgestellt, sondern übergeordnet. Das Gehirn regelt nicht nur die Energieversorgung, sondern sichert sich selbst die Versorgung vor allen anderen Organen.

Peters stützt sich dabei unter anderem auf Beobachtungen aus dem Jahre 1921. Bei an Nahrungsmangel verstorbenen Soldaten war das Gewicht des Gehirns nicht oder nur minimal reduziert. Andere Organe wie Leber, Herz oder Milz erlitten aber bis zu 40 % Gewichtsverlust (Krieger, 1920).

Daraus wurde der Schluss gezogen, dass das Gehirn vor anderen Organen zunächst seine eigene Energieversorgung sicherstellt.

Dazu kommt die Feststellung, dass unser Gehirn einen sehr großen Anteil von Blutzucker verbraucht. Etwa 60 % in Ruhe und bis zu 90% unter hoher Belastung.

Auch das wurde seither nicht berücksichtigt. Denn keine Diät oder Kalorientheorie berücksichtigt, wie viel der aufgenommenen Energie beim Gehirn tatsächlich ankommt. Da das Gehirn jedoch im Stoffwechsel eine übergeordnete Rolle einnimmt, ist das von ausschlaggebender Bedeutung!

Das Gehirn versorgt sich mit Energie, indem es Körperdepots „anzapft“. Dazu wird das Stresssystem (sympathisches Nervensystem und Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-System) aktiviert.

Durch die Aktivierung des Stresssystems wird Energie aus den Körperdepots mobilisiert (d. h. besonders aus Blut, Leber, Muskeln und Fettgewebe) und dem Gehirn über mehr Blutzucker zur Verfügung gestellt.

Diese Fähigkeit des Gehirns, sich die Energie aus dem Körper zu holen, wird von Peters als „Brain-pull“ bezeichnet.

In Ruhephasen werden diese Depots dann wieder aufgefüllt (Nahrungsaufnahme).

Psychosozialer Stress hat auf den “Brain-pull” und unser Essverhalten einen maßgeblichen Einfluss.

„Psychosozial“ bezieht sich auf die Sorte von Stress, die im Umgang mit anderen Menschen entstehen und uns emotional belasten kann. Einige Beispiele sind: ungelöste Konflikte in der Partnerschaft, zwischen Eltern und Kindern, Verlassen werden vom Partner, Probleme am Arbeitsplatz mit Kollegen oder Vorgesetzten, schwere Erkrankungen in der Familie,  Angst um den Job, Überlastung im Beruf oder Einsamkeit.

Wird diese Art von Stress chronisch, wird bei einem Teil der Menschen (Typ A) der “Brain-pull” geschwächt, sie sind dadurch nicht mehr in der Lage, effektiv über den „Brain-pull“ an die Energiereserven des Körpers zu kommen.

Es wird stattdessen als Alternative, über ein gesteigertes Hungergefühl, die Nahrungsaufnahme erhöht, um so dem Gehirn ein größeres Angebot zu verschaffen (push-Prinzip). Hält dieser Zustand an, nehmen diese Menschen durch die Mehraufnahme an Nahrung an Gewicht zu.

Um herauszufinden ob man in die Kategorie Typ A fällt, bietet Achim Peters in “Mythos Übergewicht” einen kleinen Fragebogen an.

So lässt sich auch verstehen warum Diäten aus dieser Perspektive sogar gefährlich sind. Sie bedrohen die Glukoseversorgung des Gehirns und stellen damit einen zusätzlichen physiologischen Stressor dar. Bei einer kalorienreduzierten Diät über längere Zeit wird das bereits geschwächte Stresssystem so einer zusätzlichen Belastung ausgesetzt (Tomiyama et al.,2010, Peters, 2011; Peters et al., 2013).

In seinem aktuellen Buch erklärt Peters die Details dazu sehr einfach, verständlich und anschaulich. Eine Leseempfehlung für alle die dieses Thema interessiert.

In diesem TED Talk stellt Achim Peters die Theorie einem internationalen Publikum vor.

Was kann man also sinnvolles tun um den Brai-pull wieder zu trainieren?

Dazu mehr im nächsten Artikel.

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Quellenangaben:

Krieger, M. (1920). Über die Atrophie der menschlichen Organe bei Inanition. Berlin.

Mellin, L., Croughan-Minihane, M., & Dickey, L. (1997). The Solution Method: 2-year trends in weight, blood pressure, exercise, depression, and functioning of adults trained in development skills. Journal of the American Dietetic Association, 97(10), 1133–1138.

Peters, A. (2011). Das egoistische Gehirn: Die Ursachen von Adipositas und Typ-2-Diabetes aus neu-robiologischer Sicht. Diabetologie und Stoffwechsel, 6(04), 216–224

Peters, A., Kubera, B., Hubold, C., & Langemann, D.(2013). The corpulent phenotype-how the brain maximizes survival in stressful environments. Frontiers in neuroscience, 7, 47.

Peters, A., & Junge, S. (2013). Mythos Übergewicht: Warum dicke Menschen länger leben ; [überraschende Erkenntnisse der Hirnforschung] (1st ed.). München: Bertelsmann.

Tomiyama, A. J., Mann, T., Vinas, D., Hunger, J. M., DeJager, J., & Taylor, S. E. (2010). Low Calorie Dieting Increases Cortisol. Psychosomatic Medicine, 72(4), 357–364


Robin

Diplom Sportwissenschaftler Personal Trainer Gesundheitsberater Blogger

1 Comment

Muss man abnehmen um gesünder zu sein? | · 15. August 2015 at 2:26

[…] dadurch wird kompensierendes Essen nötig. So kann aber der Cortisolwert im Blut reduziert werden (Mehr dazu hier). Typ B bleibt schlank (leidet jedoch auch unter der Stressbelastung (hohe Cortsisolwerte im Blut) […]

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