In den letzten Texten ging es um Stress und Übergewicht. Unsere “alte” Sichtweise stellt sich als überholt heraus. Da Übergewicht tatsächlich als Folge von chronischem psychosozialem Stress entstehen kann.

Aus dieser neurobiologischen Sicht ist entstehendes Übergewicht eine erfolgreiche Strategie des organismus sich einene Überlebensvorteil zu sichern. Um die Energieversorgung des Gehirns zu sichern wird einfach auf eine andere Strategie zurückgegriffen. Nebeneffekt ist die Gewichtszunahme. Das heißt also mit anderen Worten:

„Dicke sind nicht ungesünder, sondern haben sogar einen Überlebensvorteil!“

Und das kann belegt werden:

In den neueren Studien kann kein genereller Zusammenhang mehr zwischen Übergewicht und einem erhöhten Krankheits- bzw. Sterberisiko im Vergleich zu Normalgewichtigen gefunden werden.

Das heißt es wurde verglichen, ob anhand des erhöhten Gewichts vorausgesagt werden konnte, ob die Anzahl der Todesfälle höher als durchschnittlich ist. Das ist nicht der Fall!

Ich beziehe mich hier besonders auf die Arbeiten von Flegal (2013) und Lenz et al. (2009). Grad 1 Adipositas (BMI 30-35 kg/m²) war nicht mit einem höheren Gesamtsterblichkeitsrisiko verbunden. Für Übergewicht (BMI 25-30 kg/m²)  konnte sogar ein niedrigeres Risiko gefunden werden (Flegal, 2013).

In Wirklichkeit ist das Sterblichkeitsrisiko bei Übergewicht bei einigen Erkrankungen erhöht, bei anderen niedriger oder unverändert (Lenz et al., 2009). Beispiele sind etwa, nach einem Herzinfarkt oder wenn Krebs festgestellt wird. Dort sind Menschen mit mehr Gewicht besser geschützt im Vergleich zu Menschen mit geringem Körpergewicht.

Erklärungsvorschläge für diese zunächst paradox erscheinenden Befunde gibt es auch. Wird chronischer psychosozialen Stress als dritte Variable miteinbezogen, kann sowohl das Sterblichkeitsrisiko als auch das Körpergewicht erklärt werden (Peters et al., 2013; Peters & McEwen, 2012).

Anders gesagt: Stress ist der Hauptfaktor, der das Risiko zu erkranken, zu sterben sowie das Körpergewicht beeinflusst.

Hohe Stresswerte im Körper, feststellbar über Cortisol-Messungen, führen zu einem früheren Tod (Schoorlemmer et al, 2009).

Hohe Stresswerte im Körper führen bei Typ A zu Übergewicht (weil das Stresssystem ab einem bestimmten Punkt überfordert ist und gedämpft wird, dadurch wird kompensierendes Essen nötig. So kann aber der Cortisolwert im Blut reduziert werden (Mehr dazu hier).

Typ B bleibt schlank (leidet jedoch auch unter der Stressbelastung (hohe Cortsisolwerte im Blut) und kann trotz Schlankheit an einem Herzinfarkt sterben. Er ist sogar anfälliger als Typ A, weil sein Stresssystem nicht gedämpft wird und er so ständig „unter Strom“ steht und hohe Cortisolwerte beibehält (Peters, 2013).

Jetzt muss dazu gesagt werden, dass dieses Szenario nur funktioniert bei Nahrungsüberangebot. D.h. heute, wo es genug Nahrung gibt, ist Typ A besser dran.

In Zeiten von Nahrungsknappheit, also die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte, ist dieser Typ eher im Nachteil, weil er seinen Gehirnstoffwechsel nicht über eine größere Nahrungsaufnahme aufrechterhalten kann…

Fazit:
Leben in dauerhaft stressvoller Umgebung ist gefährlich für die Gesundheit. Evolutionsbiologisch sind wir eher für kürzere Stressphasen geschaffen, die sich mit Erholungsphasen abwechseln.

Auch in der Natur gibt es einen harmonischen Wechsel. Wie würde die Welt aussehen wenn es immer Sommer wäre? Oder immer Sonnenschein nonstop? Die Welt wäre ausgebrannt…

Wenn man also schon unter diesen Umständen lebt (dauerhaft hohe psychosoziale Stressbelastung), dann ist es ein Schutz und Gesundheitsvorteil, wenn man dabei übergewichtig wird!

Es ist eine Anpassungsstrategie des Organismus. Der Körper ist intelligent und versucht das Beste aus der jetzigen Lebenssituation zu machen.

Dem entgegenzuwirken mit Diäten etc. ist keine gute Idee! Weniger zu essen ändert nichts an der Ursache. Langfristig kann aus dieser Perspektive alles hilfreich sein, was stressreduzierend bzw. Cortisol senkend wirkt.

Z.B. Atemtechniken, psycho-emotionale Selbstregulationstechniken, Psychotherapie, Verhaltenstherapie, Achtsamkeitstraining, Emotionsregulation, Schulung des bedürfnisorientierten Handelns, ausreichend schlafen, täglich Ruhephase einplanen (bsp. Bei Mahlzeiten in Ruhe essen, Entspannungstraining, Meditation, uvm…).

Aber bitte nicht weniger essen und mehr Sport!

Sind wir da einer Meinung?

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Literatur:
Flegal, K. M. (2013). Association of All-Cause Mortality With Overweight and Obesity Using Standard Body Mass Index CategoriesA Systematic Review and Meta-analysisAll-Cause Mortality Using BMI Categories. JAMA, 309(1), 71.
Lenz, M., Richter, T., & Mühlhauser, I. (2009). Morbidität und Mortalität bei Übergewicht und Adipositas im Erwachsenenalter: Eine systematische Übersicht: The Morbidity and Mortality Associated With Overweight and Obesity in Adulthood: A Systematic Review. Deutsches Ärzteblatt, 106(40), 641–648.
Peters, A., & McEwen, B. S. (2012). Editorial introduction. Physiology & Behavior, 106(1), 1–4.
Peters, A., Kubera, B., Hubold, C., & Langemann, D. (2013). The corpulent phenotype-how the brain maximizes survival in stressful environments. Frontiers in neuroscience, 7, 47.
Peters, A., & Junge, S. (2013). Mythos Übergewicht: Warum dicke Menschen länger leben ;    [überraschende Erkenntnisse der Hirnforschung] (1st ed.). München: Bertelsmann.
Schoorlemmer, R. M. M., Peeters, G. M. E. E., van Schoor, N. M., & Lips, P. (2009). Relationships           between cortisol level, mortality and chronic diseases in older persons. Clinical Endocrinology, 71(6), 779–786.


Robin

Diplom Sportwissenschaftler Personal Trainer Gesundheitsberater Blogger

2 Comments

Matthias Vogg · 1. May 2015 at 16:17

Lieber Robin,

ein absolut erstklassiger Blog-Beitrag von dir! Ich bin absolut deiner Meinung. Ich konnte das vor allem merken, als ich meinte, alle “gesunden” Lebensstil-Veränderungen auf einmal durchführen zu müssen. Ich denke, dass mein pyschischer Stress in dieser Zeit die Veränderung meiner Gewohnheiten durchaus vollkommen gekontert hat. Vor allem bei einem Wunsch nach einer dauerhaften Änderung von Gewohnheiten, finde ich es essentiell, dass man sich nicht überfordert und es langsam durchführt. Vor allem der Aspekt der Ruhe und Introspektion ist in meinen Augen der wichtigste Aspekt.

Vielen Dank für diese großartigen Informationen!

Herzliche Grüße

Matthias

    Robin · 1. May 2015 at 22:21

    Vielen Dank Matthias!

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